Wie man zur Corona-Kritikerin mutiert.

Aktualisiert: Mai 18

von Joyce Küng, 14.05.2020

Auszug aus dem Tagebuch einer Suchenden.


Ipanema Beach, Rio de Janeiro. (c) Joyce Küng

Bevor ich in die Schweiz kam, mit elf Jahren, im Dezember 1995, gehörten regelmässige politische Debatten zum Mittagstisch in der Familie.


Vor vier Jahren wurde die damalige Präsidentin Brasiliens, Dilma Roussef im Amtsenthebungsverfahren abgewählt. Die Anschuldigungen betrafen unter anderem die Missachtung des Haushaltsgesetzes und passive Beteiligung an Korruptionshandlungen bei Staatsunternehmen.

Dilma Roussef gehörte der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) an, die bis zum Amtsenthebungsverfahren von meiner gesamten Familie bewundert wurde. Bei mir zu Hause gehörten Brasiliens PT und Südafrikas Mandela zur selben Kategorie: Sie waren Helden der Schwachen.

Für mich fiel eine Welt in sich zusammen. Seit ich wählen kann, habe ich so sozial wie möglich gewählt. Es traf mich hart, zu hören, dass die soziale Arbeiterpartei meines Heimatlandes mehr gestohlen hatte, als alle Mitte- und Rechtsparteien zusammen. Man sprach vom grössten Korruptionsskandal der Weltgeschichte. Wie konnte uns so was nicht auffallen? Wieso haben wir alle geschlafen? Sie hatten einen so guten Ruf. Das mediale Echo war grundsätzlich positiv.

Zur fast selben Zeit kamen mir sehr viele Artikel über den damaligen Präsidentschaftskandidat Donald Trump entgegen. Ständig tauchte er in den Feeds meiner Profilen in den sozialen Netzwerken auf. Es gab keine positiven Meldungen über ihn soweit ich sehen konnte. Er müsste ja der nächste Hitler sein gemäss den Berichten. Mir wurde bange beim Lesen.

Dann kam mir die Situation aus Brasilien in den Sinn. Jahrelang habe ich geglaubt, wer sozial politisiert, ist immer vertrauenswürdig. Konservative Politiker waren für mich Tabu. Denen könne man nicht vertrauen, hat man mir von klein auf gesagt.

Ich war irgendwie verloren. Ich habe auch in der Schweiz mein Wahlrecht als eingebürgerte Schweizerin ausgeübt. Auch hier wollte ich möglichst sinnvoll wählen. Es fiel mir mit jeder Abstimmung schwerer zu entscheiden.

Ich fing an meine Werte zu hinterfragen und suchte nach Alternativen. Also begann ich zu forschen. Ich kannte damals keine divergenten News-Kanäle. Fürs Erste begann ich damit Trumps Reden in ganzer Länge auf YouTube zu schauen. Die kollektive negative Berichterstattung hat meine Neugier geweckt.

Seine Prahlerei ging mir manchmal auf die Nerven, doch seine Grundbotschaft gefiel mir immer besser. Seiner Ansicht nach wurden die Prioritäten falsch gesetzt, jemand müsste das Land wieder auf Vordermann bringen. Klingt für mich vernünftig. Weshalb also die Anfeindungen? Und dann sah ich die ganzen Zuhörer, lange Schlangen vor den Stadien. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten: Weisse, Latinos, Schwarze, Heteros, LGBT*. Alle waren dabei. Sie erstellten viele Videobeiträgen über ihn und warum sie aus der demokratischen Partei aussteigen wollten. Plötzlich gab es diese Hashtags: #Walkaway (Weglaufen von der Demokratischen Partei) und #Blexit (Schwarze, die die demokratische Plantage verlassen, wie sie es selber erklärten). Ich staunte über ihren Mut weiterzumachen, obwohl sie in den Medien als so gefährlich dargestellt wurden.

Es war mir aber nicht wohl, dass auch rassistische Bewegungen die Gunst der Stunde für ihre Parolen ausnutzten. Also habe ich mich anfangs nicht getraut, allgemeine Posts der neuen Bewegung in meinen Profilen zu teilen, die auch zur Situation in der Schweiz passten. Ich habe etwa ein Jahr lang gar nichts darüber geteilt, obwohl ich meine Profile aktiv nutze.

Dann kam für mich der Wendepunkt als in Charlottesville, im August 2017, eine der grössten medialen Manipulationen stattfand. Eine Gruppe weisser Rassisten veranstaltete in Charlottesville, Virginia, eine "White Pride"-Kundgebung. Der angebliche Grund war der Protest gegen die Entfernung einer Statue des konföderierten Generals «Robert E. Lee». Eine Antifa-Gruppe trat zum Gegenprotest an. Der Bürgermeister und die Polizei waren völlig unvorbereitet auf die darauffolgende Gewalt. Tragischerweise wurde eine junge Frau, Heather Heyer, von einem Neonazi überfahren und getötet.

Die Medien berichteten, dass Präsident Trump Neonazis als "sehr feine Leute" bezeichnete.

Er bezog sich aber auf eine andere Gruppe von Demonstranten aus Charlottesville, die bewilligt demonstriert hatten. Also weder Antifa noch Neonazis. Demonstranten, die wollten, dass die Robert E. Lee-Statue entfernt wird, und Demonstranten, die die Statue behalten und den ursprünglichen Namen des Parks wiederherstellen wollten.

Dies ist, was Präsident Trump über diese friedlichen Demonstranten sagte: "Sie hatten auch einige sehr gute Leute auf beiden Seiten... Sie hatten Leute in dieser Gruppe, die gegen die Demontage einer sehr, sehr wichtigen Statue und die Umbenennung eines Parks von Robert E. Lee in einen anderen Namen umbenennen wollten.

Wenige Augenblicke später, machte er sein Statement noch deutlicher, falls es zu Missverständnissen kommen sollte: "... ich spreche nicht von den Neonazis und den weissen Nationalisten. Sie sind aufs Schärfste zu verurteilen."

Ich habe mich lange damit befasst. Seine Rede wieder in ganzer Länge ohne Schnitte angeschaut. Leider musste ich feststellen, dass die gängigen Zeitungen und zur meiner grössten Enttäuschung, auch SRF nur die Version der „feinen Leute auf beiden Seiten“ in Bezug auf die Neonazis verbreitet haben. Wer sowas macht, hat entweder Schwierigkeiten mit dem Hörverständnis oder die Absicht Donald Trump zu den schlimmsten Rassisten dazuzuzählen oder im schlimmsten Fall, keine Zeit zu recherchieren. Drei Varianten, die auf mich beängstigend wirkten, wenn ich mir vorstelle, dass meine Meinungsbildung von solchen Leuten abhängig ist.

Das war‘s für mich. Im August 2017 habe ich mich dazu entschlossen, Nachrichtendienste nie ohne Hinterfragung zu glauben. Seitdem prüfe ich jede Schlagzeile auf mindestens vier Quellen, bevor ich irgendwem etwas abkaufe. Und wenn ich keine unterschiedlichen Standpunkte höre, glaube ich es erst recht nicht. Alles was wie im Chor wiederholt wird, gehört einer Prüfung unterzogen. Leider ist mir eine solche Untersuchung fast nicht mehr möglich, wenn alle bekannten Medienhäuser voneinander abschreiben, weil sie zusammengelegt wurden oder einander ideologisch Rückendeckung geben. Also bin ich auf alternative Medien angewiesen, um die Gängigen hinterfragen zu können. Das erfordert zwar einen Mehraufwand, hält mich aber ruhiger, wenn ich dann erfahre, was wirklich vor sich geht. Und wenn ich mir kein Bild machen kann, weil die Nachrichten zu widersprüchlich sind, dann muss ich halt abwarten, bis was Neues ans Licht kommt.

Genauso habe ich es gehandhabt seit Corona in die Welt gekommen ist. Es ist mir nicht mehr wohl dabei, bei allem, was ich herausgefunden habe. Zu viele Unstimmigkeiten, zu viele schwammige Erklärungen aus den Pressekonferenzen des Bundes. Zu viele Freunde, die wegen den Schliessungen massive finanzielle Einbusse erlebten. Auch bei mir war es eine Zeit lang nicht klar wie es weiter geht.

Vor drei Jahren war ich in meinem Umfeld noch alleine mit dieser Medienskepsis. Meistens habe ich die Leute mit Fragen erschreckt. Heute bin ich Teil von den unterschiedlichsten Austauschgruppen in den sozialen Medien. Einige haben 2‘000 Mitglieder, andere 20. Ich höre dabei zu und teile aktiv Artikel und Denkanstösse weiter. Es sind hochgebildete und gewöhnliche Arbeiter dabei, die für die Familie sorgen, Steuern zahlen und zum Staatsapparat beitragen. Ich kenne keine Leute, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist. Wenn, dann müsste ich sie in ihrer Glaubensfreiheit stehen lassen, obwohl ich die Globus-Theorie vorziehe.

Ich kenne aber Leute aus diesen Gruppen, die es nicht verstehen können wie die ETH am 8. April 2020 eine Grafik herausgibt, die besagt, dass die Reproduktionsrate des Corona-Virus seit dem 20. März 2020 unter 1 ist und der Lockdown trotzdem in aller Härte nach der Veröffentlichung der Studie aufrecht gehalten wird.

In den Gruppen werden Leute gesperrt, die verdächtige Ansichten über den Holocaust verbreiten oder sonstige Hetze betreiben. Ich würde nie aktiv einer Gruppe beiwohnen, die schreckliche Verbrechen anpreist. Ich kann nichts dafür, dass es eben solche Leute gibt und dass sie sich unkenntlich in die Gruppen einmischen. Solche Leute gab es schon vor Corona. Trotzdem werden alle Skeptiker und Demonstranten in fast allen Artikeln über Corona-Kritikern in denselben Topf geworfen. Einseitig eingestuft von den Medien, die Ihnen einseitige Berichterstattung vorwerfen. Welche Ironie!

Hätten die Demonstranten Grund auf die Strasse zu gehen, wenn sie nichts zu befürchten hätten? Ich schätze nein. Selbst wenn nur eine Minderheit der Bevölkerung die Massnahmen anzweifelt, dürfen sie es auf ihre Art und Weise bekunden, ohne dafür verunglimpft zu werden.

Ich hätte keinen Grund eine Corona-Kritikerin zu sein, könnte ich den Informationen vertrauen, die mir offiziell zur Verfügung stehen.


Bitte teilen Sie diesen Artikel gleich hier auf Facebook, Twitter, LinkedIn oder kopieren Sie den Link ⬇️

270 Ansichten

Abonnieren Sie unseren Newsletter

  • Facebook Social Icon
  • Twitter Social Icon
  • Youtube

© 2020 BÜRGERFORUM SCHWEIZ. | Impressum